Fragment

für Gerhard Rombach und Jörg Zschocke

Meine Sehnsucht ist ein Landstreicher.
Ein süchtiger Trinker nachts
leert er Reste dunkler Geschichten
studiert Inschriften in Händen und Augen.

Stets trägt er einen Lesestein nah am Herzen.
Von der Blüte des Abends
zählt er Blatt für Blatt
bis zur Narbe vergangener Tage.

Gabriele Pflug

von winterzeit las ich

von winterzeit las ich
in einem gedichtband
von sturm und licht
schneite es unablässig
erhellte schnee die seiten
bis alle buchstaben
ganz in weiß auf den zeilen
haften blieben

Gabriele Pflug

Euch allen wünsche ich ein besinnliches und friedliches Weihnachtsfest und dass sich alle Dinge zum Guten wenden mögen!

in memoriam

wir gehen unter bäumen
und ihr blattloser atem
beschlägt das glas meiner iris

ein winterjammer bricht das schweigen

kein leichtes wird uns bleiben
nichts nur deiner stimme schatten
hält wort über die zeit hinaus

für Gerhard Rombach

Gabriele Pflug

fragment aus der stille

im aufblühenden licht verstand ich
den atem einer landschaft in all seinen schattierungen
kupfergold und erde frucht und bäume
in den hautmaserungen wohnten die wandlungen des insekts
und all meine träume wurden kehrichte der jahre
aus denen ein mond geboren und sternzeichen meiner schläfrigkeit
ich höre den wind durch zerzauste worte
wie ein lied aus jungen jahren
als die 13. aus dem schatten trat
weißgold mit schwarzem stein in den augen
und aussprach, bevor sie verschwand

Gabriele Pflug

ohne titel

das geschwiegene wort
schläft in den händen
einer alten frau
in den wind blättert sie
ihre toten

hörst du
hörst du
wie sein hauch
sacht
durchs gefieder der namen fährt

Gabriele Pflug

Das Leuchten im Wort

Es ist nichts, nur das Wort, das den Fluss zum Leuchten bringt.

Jede Linie ist ausgeschrieben, jede Haut, jeder Blick.
Das Erinnern durchblättert Biografien. Den Duft der Geliebten, gehüllt in Seidenpapier. Im Vorbeigehen knistert es leise unter dem Blatt.
Es sind die geernteten Jahre an einem späten Nachmittag, in der Faust die Schriftstücke aus Nacht und Schmerz, die stundauf und stundab* am Herzen rissen.
Eine Stimme keimt vom Ufer her auf, wirft ihr Versprechen augenhell über den Spiegel des Wassers.
Mantelschwer zog sie und lichtete den Schlaf am tiefsten Grund.

Es ist nichts, nur dieses Leuchten im bleibenden Wort.

* Aus dem Gedicht „Wasser und Feuer“ von Paul Celan

Gabriele Pflug