zeilen an…

zeilen an jemanden, der nicht (mehr) da ist

ich höre deine schritte, immer höre ich sie
auf der schwelle, die das leben teilt:
in innen und außen
deine nackten füße stecken fest
im fort und hier sein
morgens gehe ich durch dich hindurch
spüre warme luft eines körpers
im mauerwerk noch gerüche
nach heu und fell von tieren

ich kann die tür nicht mehr schließen
seit du hier stehst und gehst
zugleich

Gabriele Pflug

australien 2019/2020

notsignale hängen in dumpfer luft
die keiner lesen will
hinter rauchzeichen weitet sich
das schwelende erbe unserer gier
monatelang bebt der himmel
unter der last erstickender laute
wir, auf der leichteren seite der welt
bemitleiden die elefantengruppe mit ihren babys
vor dem hintergrund verbrannter heimat
und hängen das photo des jahres
über die hübsche couch
erstaunt darüber wie präzise
die kamera die trauer ihrer augen einfing

Gabriele Pflug

isilme

wir versammeln uns vor den toren des gedichts
und lauschen der vermondung unserer sprache
die schneisen der sterne ertasten wir
mit fingerkuppen ihre lichtflutenden bahnen
ein herzweg tut sich auf, umrankt von geschichten abends
mündet er in einem hellerleuchteten raum
müdigkeiten füllen geöffnete handschalen und
weiter fliegt der mond zwischen träumen
wiederholen wir dreimal den refrain eines liebesgedichts

Gabriele Pflug

haus in den hügeln

dieser ort: eine erinnerung
eine auferstehung für momente
geruch von jacken, kleidern
der eindringt in meine haut

stuhl und tisch ins schweigen gerückt
die zeit: ein ausgeschriebenes verwittertes heft
mit komma und punkt
alles, was nachher kommt
dichte ich weiter

Gabriele Pflug/2020