himmelsgeschichten

Fanny

es ist aussichtslos, hatte er gesagt und sich dabei geräuspert.
ich will noch nicht, war ihre antwort.
er blickte sie nicht an, sah beim fenster hinaus und meinte mit belegter stimme: wir werden nicht gefragt. erst da schaute er sie an. er hatte tiefblaue augen. ruhige, große augen.
es tut nicht weh, nicht sofort und dann gebe es gute mittel gegen die schmerzen.

sie war alt, aber das nützte ihr jetzt nicht. in ihr hämmerte es. nein, nein, nein.
er legte seine hand auf ihre gefalteten finger.
sie war warm und weich.

es ist ein bett frei geworden. überlege es dir, sprach er in die stille hinein.
sie gab sich einen ruck und sagte eher zu sich selbst: jetzt seh ich den franz schneller, als mir lieb ist.
und nach einer pause: aber im himmel wird er sich zu benehmen wissen.

Gabriele Pflug

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himmelsgeschichten

Elisabeth

sie trug einen blauen mantel. nie sah ich sie anders. sie verschwand darin, fast schien es, als verschlinge er sie. mit ihren dünnen beinen, wie biegsame weidenäste, schwebte sie über das pflaster. ihre bewegungen waren leicht und zart, und wenn der wind ihren mantel aufbauschte, fürchtete ich, sie könnte wie ein luftballon davon geweht werden.

der mantel hatte die farbe eines klaren, hellen himmels. es war, als würde sie den kosmos durch die gasse tragen. jeden morgen nahm sie den selben weg.
selbst an nebeltagen tauchte der himmel am unteren ende der straße auf und verschwand am oberen eck des weges.

eines tages blieb er aus. die menschen zogen die vorhänge zur seite und öffneten die fenster, um ihn nicht zu übersehen. doch er zeigte sich nicht. das grau drängte in die zimmer, erfasste die wiesen und wege.
die frauen trafen sich in den vorgärten und fragten einander besorgt, ob jemand die himmel gesehen hätte. vielleicht in einer anderen gasse?
doch niemand konnte die frage beantworten. man hielt nun auch nachts die fenster offen, die vorhänge bauschten im leisen wind wie zarte wellen.
am fünften tag fuhr der leichenwagen geräuschlos entlang der häuserzeilen, vorbei an den stummen menschen, die spalier standen.
langsam, ganz langsam rollte er mit seinen himmelblauen felgen an ihnen vorbei.

Gabriele Pflug

seitenweise

In der Nacht wird die alte Anni von der Rettung geholt. Das Blaulicht spiegelt sich im Marktbrunnen. In den benachbarten Häusern geht Licht an, Vorhänge werden zur Seite geschoben.
Das Rettungsauto braust mit Sirenengeheul davon. Der alte Franz, der gleich neben der Kirche wohnt, holt seine Pfeife und setzt sich in der lauwarmen Nacht auf seine Bank vor dem Haus. Der Himmel biegt sich vor Sternen wie sein Zwetschkenbaum, an dem die Früchte die Zweige zu Boden drücken. Noch immer sind die grünen Heupferde nicht still. Noch immer ist es so warm, dass er im Unterleiberl hier sitzen kann. Der Rauch zieht Kringel, die matt aufsteigen. Seine Frau zetert: Komm endlich wieder zu Bett und vergiss nicht, dich zu waschen. Deine Finger stinken sonst.
Er klopft seine Pfeife aus, streckt den Rücken durch und steht schwerfällig auf: Du verpasst was. Die Sterne sind heute zum Greifen nahe.

seitenweise

Im Grunde genommen notiere ich mich immer selbst. Der Versuch, mein Leben durch Buchstaben, Worte, Sätze begreifbar zu machen. Mir selbst auf meinem Weg hinterher zu laufen.
Durchs Schreiben verbinde ich mich mit dem Papier. Der Stift gleitet wie ein Schlittschuhläufer dahin, feine Rillen schreiben Geschichten auf unsicheres Gelände. Hauchdünn der Boden zwischen Himmel und Wasser.
Meine Gedanken gehen auf die Menschen zu, treten ein in Häuser, streichen achtsam über fremde Bücher, Briefe. Sie sammeln Fragmente und suchen mich heim.

Gabriele Pflug

für mo

für die toten
ist der wald ein schweigsamer hüter
unter dem laub wurzeln erzählungen
aus jungen tagen
die das alphabet des abschieds
in schönster schrift
entlang der jahre schreiben

Gabriele Pflug

ertrinken

du schaukelst auf gekörntem meer
die finger des winds zeichnen wellen
weizenfarbig und heiß wächst dein schlaf

glühend schlägt dein atem ans glas der luft
und deine stimme verglimmt

auf deiner haut verteilt der wind
das brandmal der sterne

ein geruch von angst schlägt an
wie ein hund dem die kette
den hals zuschnürt

nicht lange wird es dauern
und dich verschluckt der sand

erst unter seiner oberfläche
werden die gesänge der reibung

enträtselt