Das Leuchten im Wort

Es ist nichts, nur das Wort, das den Fluss zum Leuchten bringt.

Jede Linie ist ausgeschrieben, jede Haut, jeder Blick.
Das Erinnern durchblättert Biografien. Den Duft der Geliebten, gehüllt in Seidenpapier. Im Vorbeigehen knistert es leise unter dem Blatt.
Es sind die geernteten Jahre an einem späten Nachmittag, in der Faust die Schriftstücke aus Nacht und Schmerz, die stundauf und stundab* am Herzen rissen.
Eine Stimme keimt vom Ufer her auf, wirft ihr Versprechen augenhell über den Spiegel des Wassers.
Mantelschwer zog sie und lichtete den Schlaf am tiefsten Grund.

Es ist nichts, nur dieses Leuchten im bleibenden Wort.

* Aus dem Gedicht „Wasser und Feuer“ von Paul Celan

Gabriele Pflug

isilme

von zeit zu zeit
treten monde über die ufer
haben inseln ihre netze ausgeworfen

wenn das licht an land geht
verbeugen sich die kontinente

Gabriele Pflug

isilme: quenya/hochelbisch- mondlicht

namarie

die bäume sterben vor dem ersten regen
still wie kleine kinder, die den letzten atem
in den schoß der mutter legen
nachts steigen die pflanzen ins gebirge hoch
und gärten suchen zuflucht im kloster
ich habe den hügel verlassen im gepäck all die jahre
blieben deine lippen unpassierbar meine haut versteppte
und es verblühte das wort im mund

Gabriele Pflug

zeilen an…

zeilen an jemanden, der nicht (mehr) da ist

ich höre deine schritte, immer höre ich sie
auf der schwelle, die das leben teilt:
in innen und außen
deine nackten füße stecken fest
im fort und hier sein
morgens gehe ich durch dich hindurch
spüre warme luft eines körpers
im mauerwerk noch gerüche
nach heu und fell von tieren

ich kann die tür nicht mehr schließen
seit du hier stehst und gehst
zugleich

Gabriele Pflug

australien 2019/2020

notsignale hängen in dumpfer luft
die keiner lesen will
hinter rauchzeichen weitet sich
das schwelende erbe unserer gier
monatelang bebt der himmel
unter der last erstickender laute
wir, auf der leichteren seite der welt
bemitleiden die elefantengruppe mit ihren babys
vor dem hintergrund verbrannter heimat
und hängen das photo des jahres
über die hübsche couch
erstaunt darüber wie präzise
die kamera die trauer ihrer augen einfing

Gabriele Pflug

isilme

wir versammeln uns vor den toren des gedichts
und lauschen der vermondung unserer sprache
die schneisen der sterne ertasten wir
mit fingerkuppen ihre lichtflutenden bahnen
ein herzweg tut sich auf, umrankt von geschichten abends
mündet er in einem hellerleuchteten raum
müdigkeiten füllen geöffnete handschalen und
weiter fliegt der mond zwischen träumen
wiederholen wir dreimal den refrain eines liebesgedichts

Gabriele Pflug

haus in den hügeln

dieser ort: eine erinnerung
eine auferstehung für momente
geruch von jacken, kleidern
der eindringt in meine haut

stuhl und tisch ins schweigen gerückt
die zeit: ein ausgeschriebenes verwittertes heft
mit komma und punkt
alles, was nachher kommt
dichte ich weiter

Gabriele Pflug/2020