linnad

sie singt gegen die brandung
gegen die gewaltigen türme
aus nacht und gelächter

der rohe irrsinn kennt kein flüstern

sie ist flügelndes wunder
sommerwesen oder schneevogel
sie streift entlang der zeit
und steht lange auf dem hügel
im schrei der schwarzen halme
hellhörig im glimmenden licht des gesangs

aus ihrer hand fliegen bienen und samen

Gabriele Pflug

in der welt leidet das gedicht

ganz ohne lyrik heute
dominieren tagesnachrichten
lassen keine gedanken
an blühende sätze oder
verszeilen ganz in flieder zu
schwer wiegt das weinen
in der welt leidet das gedicht
an den wunden der zeit

Gabriele Pflug

sätze aus licht

du bist nomadin
du schreibst dich in die luft
ins land leuchtender lupinen
und sätzen aus licht
dort schläfst du
im refrain meerblauer seide
während zeile um zeile ans ufer schlägt
dein herz unter dem gefieder des sturms

Gabriele Pflug

die alte dichterin

noch vergehen die stunden
bedächtig fließt die zeit
am haus vorbei im wechsel
von blüten und licht

hinter gardinen zieht sich
das leben zurück in bücher
haut und papier verwachsen
zu blühenden aufzeichnungen
von verwerfungen, gebirgen
in schneeluft und klaren bächen

tiefer greifen die wurzeln des wassers
und das herz wird zum stillen altar
niemand spricht in seiner gegenwart
hörbar sind nur noch stimmen
von tieren und gräsern

in den wässrigen protokollen
perlt von blatt zu blatt das schweigen

Gabriele Pflug

feuer

an anderen tagen hättest du dein wort
dem schneehasen gegeben
wärest weich ins weiße versprechen gesunken
die haut heilte im blau des eises

was du aber spürst ist feuer,
das der krater auf zuruf speit
und dem echo deiner stimme
kannst du nicht länger lauschen
denn die brandmale haben die wälder gezeichnet
und die berge zum einstürzen gebracht
und weit durch die nacht
steigt rauch aus den schächten

in bittprozessionen gehen meine gedanken über brennendes land

Gabriele Pflug

sternenatlas

vor dir öffnet sich der sternenatlas
fremde stimmen überqueren
den fluss zur beginnenden nacht

denkst du an zerschlissene seide
und blätterst im blauen buch
der verewigten blütenmonologe

ankerst deinen blick
in den himmel, schmal bewachsen
mit wolken träumt es sich gut

in dieser leere schlägt kein versprechen
ans herz und in deiner hand
pocht der schmerz schon nicht mehr

Gabriele Pflug